Der erste Eindruck

Heute Mittag fand die erste BVB-PK mit Thomas Tuchel statt. Die Vorstellung von Tuchel in Dortmund. Wieder an einem Mittwochmittag, wie schon im April, als die meisten BVB-Fans wohl ziemlich kalt erwischt wurden von der Rücktrittsankündigung von Jürgen Klopp. Heute war die Stimmung eine andere, vorfreudig neugierig auf den neuen Trainer und das, was er wohl zu sagen hat zu Borussia Dortmund, dem Verein, der Mannschaft, der Stadt.

Und der erste Eindruck, den Thomas Tuchel hinterlässt, ist gut. Sehr gut, sogar. Ich gebe gerne zu, dass ich anfangs überhaupt kein Freund der Verpflichtung von Thomas Tuchel war. Vielleicht ein wenig vorschnell geurteilt, weil ich eigentlich herzlich wenig über ihn wusste (bzw. noch immer über ihn weiß), aber vor allem sein Abgang aus Mainz hatte doch eher schlechte Assoziationen in meinem Kopf hinterlassen. Dass er sportlich jede Menge drauf hat, taktisch vielleicht ein noch besserer Trainer ist als Klopp, das war mir von Anfang an klar. Aber ihn mir als BVB-Trainer vorstellen? Nach einer Trainerfigur wie Jürgen Klopp? War schwierig.

Es ist auch jetzt noch schwierig. Und ungewohnt. Vor allem ungewohnt. Thomas Tuchel da sitzen zu sehen und nicht Jürgen Klopp. „Cheftrainer Borussia Dortmund“. Das fühlt sich noch nicht ganz richtig an. Aber abseits aller Gefühle und Sentimentalitäten hat er einen sehr positiven Eindruck auf mich gemacht. Inhaltlich hat er mich jetzt schon komplett überzeugt.

TuchelScreenshot vom Live-Stream der PK auf BVBtotal

Natürlich waren seine Worte zum Teil Standardsätze, wie man sie eben so sagt, wenn man irgendwo als neuer Trainer vorgestellt wird. Dass er überglücklich ist hier zu sein. Große Lust hat auf Borussia Dortmund, die Arbeit mit den Spielern, etc. pp. Aber es waren nicht nur seine Worte, sondern auch die Art, wie er sie gesagt hat. Der Mann weiß, wovon er spricht (wenig verwunderlich), er scheint tatsächlich großen Bock zu haben, den BVB zu trainieren, er hat konkrete Vorstellungen, klare Ideen und einen Plan, wie diese umzusetzen sind.

Ein Herausforderer soll der BVB sein, für die Tabellenspitze in der Bundesliga, zu denen er namentlich die Bayern, Wolfsburg, Gladbach und Leverkusen zählte. Ein sehr geschickter Schachzug, hier nicht auch Schalke zu nennen – damit hat er bei vielen BVB-Fans wohl ab sofort einen (weiteren) Stein im Brett. Tuchel will eine Atmosphäre schaffen, in der Leistungsbereitschaft und Hingabe vorherrschen. Fleiß, Bescheidenheit, Mut, Offenheit, Beharrlichkeit zählt er auf als wichtige Eigenschaften, die er sehen und mitbringen will. Kein Platz für Egoismen. Er möchte Angriffsfußball spielen lassen, der ihm Spaß macht, der auch den Fans Spaß macht und für den Borussia Dortmund steht, will dominant sein. Er will den Stil der Mannschaft nicht zwingend verändern, aber auch nicht krampfhaft an ihm festhalten. Ein System wird abhängig sein von den Talenten der Spielern, die kennenzulernen er sich Zeit nehmen will. Überhaupt die Spieler – er spricht sehr lobend über die Mannschaft und hält fest, dass er keinen Grund sieht, Spielbeobachtungen und Videoanalysen als Grundlage zu nehmen für die Entscheidung, ob ein Spieler abgegeben und durch einen Neuzugang ersetzt werden soll. Er will die Spieler kennenlernen, mit ihnen sprechen über ihre Rolle und ihr Empfinden.

Auch zu Jürgen Klopp verliert er einige Worte, lobt dessen Abgang im Guten und ohne Zwietracht beim BVB, der es ihm ermöglicht, zu der Geschichte, die der BVB mit Klopp geschrieben hat, jetzt eigene Kapitel hinzuzufügen: „Jürgen war hier mit Sicherheit mehr als nur ein Trainer und das erkenne ich an.“

Ein emotionaler Coach sei er und er freue sich darauf, die Emotionen zu erleben, die Fußball und der BVB in Dortmund auslösen. Die Macht und Energie zu spüren, die da entstehen und die man mit Worten gar nicht beschreiben kann. Außerdem sei ein Grund für die Entscheidung für Dortmund die verlässliche Umgebung gewesen (nehmt das, Schalke und HSV).

Auch über die Vorbereitung spricht er, die bedingt durch die EL-Quali und die Länderspiele sehr knapp ausfällt. Bei mir hat er spätestens gewonnen, als er von der „unsäglichen Länderspielabstellung“ einiger Spieler spricht. Aber aus der kurzen Vorbereitung will er das Beste machen und sagt, man könne gar nicht alles, was man anfassen wolle, in diese vier Wochen packen. Die Lern- und Anpassungsphase müsse über die Vorbereitung hinaus auch in den ersten Wochen der Saison andauern.

Tuchel_1_03.06.15_RN-DeFodi© RN/DeFodi

Kurzum: Ja, das war ein guter Start von Tuchel. Sicher liege ich ihm aufgrund dieser ersten PK nicht gleich zu Füßen, aber er hat mein Bild schon ein wenig verändern können. Dran gewöhnen muss ich mich noch immer, menschlich mit ihm warm werden auch – die Herzen werden ihm nicht einfach so zufliegen. Aber seine Inhalte und Ideen haben mich, und was ich Twitter so entnehmen kann, auch viele andere, überzeugt. Fußballverrückt, aber zielstrebig und strukturiert, mit einem Plan, der er auch anderen begreiflich machen kann. Ob das dann immer alles auch sofort klappt, ist eine andere Sache – eine Siegesserie sollten wir nicht sofort erwarten! Aber ich bin guter Dinge.

Dass ich noch immer ein wenig wehmütig bin, ist das eine – aber das ist zweitrangig. Und es wird vergehen und Tuchel wird vertrauter werden. Nach dieser PK jedenfalls habe ich schon jetzt wieder großen Bock auf Fußball. Meinetwegen könnte die neue Saison, mit Tuchel, am Wochenende anfangen!

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