Zu viel echte Liebe?

In den letzten Tagen nach dem Pokalfinale ist viel geschrieben worden. Über die Leistung der Spieler. Über die Stimmung in Dortmund und in Berlin und im Stadion. Über die Marketing-Aktionen des BVB. Über Choreos und Pyro und Ultras. Über echte Liebe. Über ganz viele Themen, die alle irgendwo miteinander zu tun haben und dann doch wieder nicht.

Und jetzt will auch noch ich was dazu schreiben? Ich als jemand, der… Ja, in welcher Beziehung stehe ich eigentlich zum BVB, dass ich mich jetzt auch noch zu Wort melden will? Die Langfassung, wie ich zum BVB gekommen bin, habe ich schonmal aufgeschrieben. Die Kurzfassung lautet: Als richtig echten Fan würde ich mich seit der Saison 2012/2013 bezeichnen. Also erst nach den letzten großen Erfolgen, aber durch die „erfolglosen“ letzten Jahre nicht abgeschreckt. Ich bin Fan, aber kein Mitglied. Ich bin noch nie im Stadion gewesen, würde aber sehr gerne mal. Und ich beschäftige mich, wie immer, wenn mich etwas interessiert oder ich an etwas Gefallen gefunden habe, sehr intensiv mit dem BVB – unter anderem deswegen ja auch dieser Blog.

Was ich aus verschiedenen Berichten vom vergangenen Wochenende rauslese ist, dass viele irgendwie enttäuscht sind – nicht nur vom Spiel an sich, sondern auch vom ganzen drumherum. Dass sie nicht bekommen haben, worauf sie sich gefreut hatten, dass die Stimmung nicht so gut war wie im letzten Jahr, dass alles zu viel war, zu viel Action seitens des Vereins, dafür zu wenig Action seitens der Fans im Stadion.

Schon im Vorfeld des Finales wurde letzte Woche bei Auffe Ohren diskutiert, ob der BVB es nicht vielleicht ein wenig übertreibt mit seinen Marketing-Aktionen rund um das Pokalfinale. Ich war nicht in Berlin, ich kann das nicht beurteilen. Ich lese nur, was Christoph Biermann von 11 Freunde schreibt:

In diesem Jahr verwandelte der Klub seinem Berlinausflug in einen Marketingstunt mit BVB-Fahrradrikschas, Sprühkreide-Brandings, Stadionwurst auf Achse, Transportern mit LED-Plakaten und verteilte 32.000 Tüten mit Weingummi-Herzen.

und ich lese, was im ersten Bericht von schwatzgelb.de geschrieben wurde:

Eine riesige Werbemaschinerie zermalmte alles, was zwischen Kudamm und Alexanderplatz nicht bei drei auf den Bäumen war. Gummibärchen, aufblasbare Herzchen, Wasserbälle und Pokale, Armbändchen, mobile Wurststände, Rikschas, Bus- und Bootstouren, mobile Plakatwände, Jürgen-Klopp Masken, ein DJ am Breitscheidplatz mit albernen Spielen wie „Wir rufen mal die Mannschaft auf den Platz“ – man fragte sich schon, was mit diesem massiven (Werbemittel-)einsatz zum Ausdruck gebracht werden sollte. […] Es war einfach zu viel, zu laut, zu aufdringlich und zu beliebig, als dass man sich in dieser Umgebung hätte wohlfühlen können.

Ich habe auch gelesen, was der BVB plante, ich habe Fotos gesehen und Videos und ja, mir kommt das viel vor. Mir kam das aber auch im letzten Jahr schon viel vor. Und vor allem, wenn ich das Fansein mal für einen kurzen Moment ablege, kann ich absolut nachvollziehen, warum der BVB diese riesige Werbemaschinerie angeworfen hat. Das Pokalfinale ist ein großes Spiel, dass der BVB, nach Tabellenplatz 18 im Februar, das noch erreicht hat, ist riesig, eine große Zahl von Menschen kann man darüber erreichen – das ist quasi die Situation, für die Marketing erfunden wurde. Ganz zu schweigen davon, dass über Marketing eben auch Geld in die Kasse kommt, worüber man beim Verein sicher nicht böse ist.

Soll heißen: Ich kann beide Seiten verstehen. Den Verein, der das schlichtweg machen muss, aber auch die Fans, denen das zu viel ist, zu aufgesetzt – und die, so scheint es mir jedenfalls, auch ein Problem damit haben, was für eine Klientel der Verein damit auch anlockt: Sogenannte Fans die, mit den neuesten Merchandising-Artikeln behängt, dieses tolle Ereignis Pokalfinale miterleben wollen, sich aber im Stadion beschweren, wenn vor ihnen jemand steht, weil sie ja für Sitzplätze bezahlt hätten und die kein einziges Lied mitsingen können, weil sie den Text nicht kennen, vielleicht noch nie vorher mal im Stadion waren. Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen, dass man sich darüber ärgert, denn sowas ist einfach Mist. Auch vor dem Fernseher ist mir aufgefallen, dass der Borussia-Anhang vergleichsweise leise und unauffällig war – bis auf die Pyro, aber dazu gleich mehr. Schade, wenn statt der Fans, die nach Möglichkeit jede Woche in Dortmund in’s Stadion gehen und die das Pokalfinale beim Public Viewing oder vom heimischen Sofa verfolgen mussten, Leute in’s Stadion kommen dürfen, die weit weniger stark mit dem BVB verbunden sind. Ich persönlich, muss ich ganz ehrlich sagen, würde mir nicht anmaßen, ausgerechnet zu so einem Spiel zu gehen, wenn ich vorher noch nie eins gesehen habe. Ich finde, da gibt es eine gewisse Hierarchie und da haben es andere eindeutig mehr verdient. Aber vielleicht ist das auch zu konservativ gedacht.

Vor allem in den Facebook-Kommentaren zu dem Schwatzgelb-Artikel wurde heftig über die Ultras und Pyro diskutiert. Ultras sind wichtig. Ultras sind ein wichtiger Beitrag zu einer Fankultur. Aber Pyro ist, gelinde gesagt, scheiße. Ich persönlich hatte zwar eine Choreo erwartet, hätte aber auch gut ohne leben können, zumal das sicher nicht so ganz einfach und billig ist und es im letzten Heimspiel gegen Werder ja eine sehr schöne Aktion gab. Aber stattdessen gab es diese dämliche Pyroshow und da habe ich einfach absolut null Verständnis für.

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© RN/dpa

Was an einer solchen Rauchwolke, an Bengalos und Böllern so toll sein soll, wie das unterstützend für die Mannschaft sein soll, erschließt sich mir absolut nicht. Dicker gelber Nebel macht ein unschönes Spiel auch nicht ansehnlicher – und es muss doch auch absolut eklig sein, da drin zu stehen!? An diesem Punkt gehe ich eher mit Biermanns Meinung als der von schwatzgelb.de konform.

Es war also nicht alles einfach nur „echte Liebe“ am letzten Wochenende. Wobei selbst zu diesem Claim vermehrt Diskussionen aufkommen, auch im Zusammenhang mit dem Abschied Klopps. Ob man den jetzt noch weiterführen will, schließlich habe Klopp das verkörpert wie kein zweiter. Ich habe auch gelesen, dass unterschieden wird: Zwischen „echten Fans“ und den „Echte-Liebe-Massen“, die dieser „Pseudo-Identität frönen“. Das fand ich zum einen sehr interessant, weil es mir bisher nicht so klar war, dass es da tatsächlich so einen Widerwillen und so unterschiedliche Meinungen zu diesem Spruch gibt. Andererseits stoßen auch mir diese (leider, zugegebenermaßen oft weiblichen) sogenannten Fans auf, die schicke Selfies von sich im neuesten Trikot posten und mit „echte Liebe“ alles und jeden und jedes noch so beschissene Spiel entschuldigen.

Ein bisschen stehe ich da zwischen den Stühlen. Natürlich sind in den letzten paar Jahren viele Leute BVB-Fans geworden, dazu gehöre ich ja auch – und bestimmt sind viele auch durch diesen Claim angezogen worden. Durch den Claim und durch den Erfolg. Das lässt sich schlichtweg nicht verhindern, wenn ein Verein durch zwei Meistertitel und einen Pokalgewinn noch größer und bekannter und beachteter wird. Aber ich finde auch, dass „echte Liebe“ zum BVB passt. Nicht nur wegen Klopp, natürlich hat er das großartig verkörpert. Der BVB hat Kloppo nach dessen Antritt zu seinem Gesicht gemacht, diesen Spruch draufgestempelt – und vielleicht hat sich auch das langsam zu einem Problem entwickelt – aber erfolgreich war man damit auch nur, weil es eben stimmte. Weil es nicht aufgesetzt war bzw. ist, denn das würde man ganz schnell merken und nichts ist schlimmer als ein Marketing-Claim, der nicht zu dem beworbenen „Produkt“ passt. Aber „echte Liebe“ passt – zu dem gesamten Verein. Bei dem nicht sofort alle Pferde scheu gemacht werden und der Trainer gefeuert wird, sobald es sportlich (absolut) nicht läuft. Bei dem so viele das Wort ‚Familie‘ in den Mund nehmen, wenn sie über ihn sprechen. Bei dem man Bilder sieht, wie alle sehr freundschaftlich miteinander umgehen. Bei dem die Mannschaft selbst bei einem stinknormalen Training wahnsinnig viel Spaß untereinander und miteinander hat.

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© RN/DeFodi

Ich kann mir nicht anders helfen, aber für mich passt das. Borussia Dortmund als Verein wirkt sehr bodenständig, sehr offen, sehr sympathisch – das hat ja auch mich vor etwa drei Jahren angezogen. „Echte Liebe“ wirkt sehr viel einladender als bspw. „Mia san mia“, das sich eher abgrenzt und andere exkludiert. Dass so etwas weitergedreht wird, dass es eine gewisse Eigendynamik bekommt und dann eben auch so Extremfälle wie oben geschildert dabei rauskommen, wo der Claim wie ein magischer Spruch auf alles draufgelegt wird und auch von „Fans“ genutzt wird, um alles zu entschuldigen und die Augen zu verschließen vor den Dingen, die nicht ganz so rosig aussehen, ist wohl eine ganz natürliche Entwicklung, die nicht verhindert und nicht aufgehalten werden kann. Aber mir als auch vergleichsweise jungem Fan widerstrebt es auch ein wenig zu lesen, dass „echte Liebe“ der größte Sch*** ist und die Leute, die daran „glauben“, dämlich sind. Das wirkt auf mich, als wünschte man sich die guten alten Zeiten zurück, in denen sowieso alles besser war, und als halte man alle „neueren“ Fans für weniger wert.

Ich bin mir recht sicher, dass sich an dem großen Ganzen auch mit Tuchel als Trainer nicht viel ändern wird. Aber natürlich bestimmt der Trainer in gewisser Weise das Image eines Vereins, zumal, wenn er jemand ist wie Klopp und wenn er so lange Trainer ist/war. Tuchels Einfluss werden wir sicher erst nach und nach bemerken. Mittlerweile bin auch ich der Überzeugung, auch wenn ich noch immer ein kleines bisschen wehmütig bin, dass es nach dieser Saison gut ist, einen Schnitt zu machen. Neuer Trainer, neues Glück. In der letzten Saison war alles ein bisschen too much – schlechte Spiele, Niederlagen, schlechte Stimmung. Dass es in Berlin auch alles ein bisschen too much war, war vielleicht auch genau dem geschuldet, war vielleicht auch ein Versuch, die Saison ein wenig zu berichtigen und eben positiv zu beenden, obendrauf kamen die Abschiede von Klopp und Kehl. Gut gemeint, vielleicht nicht ganz so gut gemacht.

Aber kann es auch zu viel echte Liebe geben? Ich denke nicht – der Claim ist das eine, was man daraus macht, ist das andere. Aber grundsätzlich passt er, noch immer, zum BVB.

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