Ehrlich. Sympathisch. Menschlich.

Nachdem am Sonntag, im Vorgang des Erscheinens des aktuellen Kickers am Montag, und auch am Montag selbst viele lobende Worte zu lesen waren über die sehr ehrlichen, reflektierten, selbstkritischen Aussagen von Mats Hummels im Interview mit Thomas Hennecke, wird jetzt auf einmal Kritik laut. Und zwar an einer ganz bestimmten Aussage von Hummels – derjenigen, die wohl am ehrlichsten und selbstkritischsten im ganzen Interview ist.

Was sagt Hummels da genau?

[D]ie letzte Hinrunde [war] das wahrscheinlich Schlechteste […], was ich in meinem Leben bisher gespielt habe. […] Die Hinrunde 2014/15 hat sich schwerfällig angefühlt und sah sehr schwerfällig aus. Das war gewichtsmäßig eine Katastrophe von mir. Ich trage das Laster des Frustessens in mir. Und weil mir die Hinrunde eben viel Frust beschert hat, bin ich in einen kleinen Teufelskreis geraten. Jetzt bin ich tatsächlich mit einem deutlich niedrigeren Gewicht in einer ganz anderen Verfassung zurückgekommen als 2014.

Im Klartext: Wenn er Frust hat, isst er mehr. Ist das nicht erst einmal etwas, mit dem sich wohl jeder identifizieren kann? Bei schlechter Laune verdrückt man eben ein paar Stücke Schokolade mehr oder öffnet eine Tüte Chips, die sonst vielleicht im Schrank geblieben wäre. Wer kennt das nicht?

Und wer wären wir, das einem Profi zu verbieten? Schwatzgelb.de bzw. der Autor Sascha wirft Hummels mehr oder weniger direkt vor, unprofessionell gewesen zu sein. „Sein Körper ist ein unverzichtbares Arbeitswerkzeug und dieses Werkzeug in einem Topzustand zu halten, ist eine seiner wichtigsten Pflichten. Nur wenn er dieser Pflicht nachkommt, ist er im heutigen Fußball in der Lage, Topleistungen zu bringen. […] So muss man […] kritisch anmerken, dass Hummels seinem Beruf als Profifußballer nicht gerecht geworden ist.“

Das geht mir persönlich entschieden zu weit. Zumal in demselben Artikel auch ein Punkt erwähnt wird, den ich hier gerne noch einmal hervorheben möchte: Ja, Hummels war in der Hinrunde 14/15 schlecht. Vielleicht war es seine schlechteste fußballerische Leistung bisher, das kann ich nicht so gut beurteilen. Aber er war bei weitem nicht der einzig schlechte, sondern einer von vielen in einer desorientierten und insgesamt ziemlich desolaten BVB-Mannschaft, in der im Grunde keiner in Normal- oder gar Topform war. Er allein bzw. sein „körperlicher Zustand“ war ganz sicher nicht schuld an der sportlichen Talfahrt in der Hinrunde – und im Umkehrschluss darf man wohl auch annehmen, dass ein paar Kilo weniger und eine bessere Verfassung von Hummels die Gesamtsituation auch nicht drastisch hätte verbessern können. Schließlich ist Fußball immer noch ein Mannschaftssport (ja, ja, das Phrasenschwein freut sich).

Hummels_20_05.12.14_vs Hoffenheim© Borussia Dortmund
Ich kann da keine überflüssigen Kilos entdecken!

Dazu kommt noch: Wir wissen nicht, ob Hummels nicht versucht hat, diesen Teufelskreis zu durchbrechen – in dem Schwatzgelb.de-Artikel wird vorausgesetzt, dass dem nicht so war. Wir wissen nicht, ob er nicht vielleicht Zusatzschichten eingelegt hat, wir wissen nicht, ob er nicht vielleicht Gespräch oder Beratung bei einem Psychologen gesucht hat – wir wissen schlicht nicht, was Hummels getan hat, um die Situation zu ändern bzw. zu lösen. Aber bei jemandem wie ihm, der diesen Fehler erkennt, der derart reflektiert ist, der so selbstbewusst ist, ihn in der Öffentlichkeit zuzugeben – bei dem kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er feststellt, dass er zu viel isst und sich das auf sein Spiel auswirkt und dann nichts dagegen unternimmt.

Und zu guter Letzt: Auch ein Fußballprofi, auch ein Mats Hummels ist nur ein Mensch. Menschen machen Fehler. Vielleicht war es ein vermeidbarer Fehler – ziemlich sicher war es kein Fehler, der den BVB einen Sieg oder einen Tabellenplatz gekostet hat. Das Problem ist erkannt und Hummels war schon in der Rückrunde besser in Form (denn merke: Im Interview spricht er selbst auch nur von der Hinrunde!) und jetzt erst Recht. Niemandem von uns sind die paar Kilo mehr aufgefallen. Ihn jetzt derart zu kritisieren – dafür, dass er erst jetzt im „Nachgang“ davon spricht und, als es akut war, nichts dagegen unternommen hätte – ist absolut unangebracht!

Ein letzter Gedanke: Wenn auf ehrliche Aussagen wie diese von Mats Hummels, die sowieso schon selten sind im Profifußball-Geschäft, nur noch mehr Kritik folgt, überlegt man sich vermutlich beim nächsten Mal noch dreimal mehr, ob man etwas jetzt öffentlich macht oder nicht. Damit will ich nicht sagen, dass wir als Fans nun nichts mehr kritisieren dürfen, ganz im Gegenteil – das tue ich auch häufig genug – aber es sollte an der richtigen Stelle und zu den richtigen Themen passieren.

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