Transferkarussell Teil V – Großkreutz und die Liebe zum BVB

Es ist Sommerpause – nicht mehr lange, aber noch immer. Und auch, wenn wir wieder öfter die Gelegenheit haben, Fußball zu sehen: Großes Gesprächs- und Diskussionsthema bleiben die Transfers. Zu denen ich selbstverständlich auch eine Meinung habe. Und genau die werde ich in mehreren Teilen hier ausbreiten.

Die ganze „Wechsel – oder doch nicht? Vertragsverlängerung, ja oder nein?“-Geschichte um Kevin Großkreutz wird immer merkwürdiger – und erhält dank (BILD und) Sport1 seit gestern Abend noch einmal neues Feuer. Aber auch Großkreutz selbst ist nicht unschuldig daran.

Ich fand und finde es noch sehr unglücklich, wie Sport1 in Person von Laura Wontorra gestern Abend, wenige Minuten nach dem Spiel, Thomas Tuchel die Aussage von Kevin Großkreutz, er sei enttäuscht, weil im/vom Verein niemand mit ihm rede, einfach so hingeknallt hat – und dabei die Quelle, nämlich die BILD-Zeitung, nur mehr oder weniger in einem Nebensatz erwähnt hat. Bekanntermaßen darf man dieser Zeitung, auch wenn „der Sportteil so gut ist“, nicht einfach alles glauben und mein Eindruck war, dass diese Information bei Tuchel gar nicht richtig angekommen ist. Er hat dann brav seine Aussage dazu gemacht – was hätte er sonst tun sollen – er hätte sich allerdings auch etwas vorsichtiger ausdrücken können, so wie Michael Zorc das dann kurz danach getan hat. So steht jetzt überall: Tuchel findet’s sch*** von Großkreutz, dass der immer mit allem sofort an die Öffentlichkeit (bzw. zur BILD-Zeitung) rennt und Großkreutz ist ach so enttäuscht vom BVB. Punkt 1.

Punkt 2: Diese Aussage von Großkreutz ist ja in einem Gesamtzusammenhang gefallen, den weder Sport1 berücksichtigt, geschweige denn genannt, hat noch viele andere, die jetzt über Großkreutz herziehen. Der Satz ist offensichtlich eine Antwort auf eine Frage in einem Interview gewesen – gestern Abend wirkte es so, als sei Großkreutz grundlos zur BILD-Zeitung gerannt und habe sich dort über den BVB beschwert. Heute Nacht hat Kevin sich dann ja auch selbst, wie immer über Instagram, noch einmal dazu geäußert und gesagt, er sei konkret gefragt worden, ob es Gespräche bezüglich einer Vertragsverlängerung gegeben habe (ich habe das  Interview/den Artikel (noch) nicht gelesen). Da hat er wahrheitsgemäß darauf geantwortet. Zorc hat gestern Abend davon gesprochen, dass Tuchel in Bad Ragaz ein langes Gespräch mit Großkreutz geführt hat, deswegen wundere ihn Großkreutz‘ Aussage so sehr – vielleicht ging es da um andere Dinge, wir wissen es nicht, aber es kann ja sein, dass das für Kevin zwei verschiedene Paar Schuhe waren.

Man muss ja jedes Mal aufs neue was erklären, weil irgendwas falsch verstanden wird! Natürlich kann es sein , dass ich wechseln werde! Ja, dass kann passieren, aber wenn möchte ich hier vernünftig gehen! Es wurde gefragt, ob einer mit mir wegen meiner Vertragsverlängerung gesprochen hat? Meine Antwort: Seit Wochen hat keiner mehr mit mir gesprochen! Und natürlich bin ich enttäuscht! Ist das selbe , wenn euch einer sagt, darfst nie wieder ins Stadion gehen ! Nicht mehr und nicht weniger!Kann nichts dafür , wenn es falsch rüber kommt! Mein Gott! Ich werde diesen Verein immer im Herzen tragen und ihn lieben ! Bin hier geboren und weißt was Borussia Dortmund bedeutet und dazu gehört Ehrlichkeit! Ich habe mir hier den Allerwertesten aufgerissen , ob als Fan oder Spieler! Das soll ich kaputt reden?! Niemals! Ich werde immer zu den Fans und Borussia Dortmund halten! Egal was in den kommenden Tagen passiert! So, eigentlich wollte ich nichts mehr sagen, aber man muss es ja tun👊💪 Ab jetzt kein Kommentar mehr, bis was feststeht! SGG 🐟

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Großkreutz wiederum ist jetzt ja auch nicht sooo furchtbar enttäuscht vom BVB, dass er jetzt, weil keiner mit ihm spricht, unbedingt da weg will. Er bekennt sich ja nach wie vor immer weiter zu Borussia Dortmund – er schließt nur einen Wechsel eben auch nicht mehr aus. Andererseits ist es vielleicht auch tatsächlich nicht so besonders klug von ihm, alle paar Tage bei Instagram so einen Post rauszuhauen und sich immer und immer wieder so zum BVB zu bekennen. Ich lebe, ich liebe den BVB, ich werde immer zu dem Verein halten, werde ihn immer in meinem Herzen tragen, etc. Ich kann mir schon vorstellen, dass das auf Vereinsseite ein wenig falsch rüberkommen könnte, dass es so wirken kann, als erwarte er, dass das von der anderen Seite dann auch so zurückkommt. Ich halte immer zum BVB, aber der hält grade irgendwie nicht mehr so zu mir. Vielleicht wär’s geschickter von ihm, sich ein wenig bedeckter zu halten – zumal er da ja auch niemandem was Neues erzählt, er zementiert bloß dasselbe Bild, das wir sowieso schon alle von ihm haben – und irgendwann wirkt es vielleicht auch ein wenig zu dick aufgetragen.

Wiederum andererseits wird aber aktuell einfach viel geschrieben, viel spekuliert und Großkreutz und BVB ist halt auch eine andere Geschichte als meinetwegen Sokratis und BVB oder Ginter und BVB. Und da kann ich auch verstehen, dass er seine Position darlegen möchte, vielleicht so ein paar Sachen zurechtrücken möchte, und das eben auf diesem für ihn direktesten Weg tut.

Last but not least wirkt dieser Vielleicht-oder vielleicht auch nicht-Transfer auf mich, völlig unabhängig von Großkreutz und wer mit wem gesprochen hat oder nicht, auf mich aus einem ganz anderen Grunde noch merkwürdig: Der Vertrag von Kevin Großkreutz läuft noch bis 2016, also noch ein Jahr. Der Verein sagt, wir wollen den Vertrag mit ihm nicht verlängern. Wir wollen ihn aber auch nicht zwingend abgeben, wollen ihn nicht loswerden, aber wenn er wechseln möchte, dann darf er das gerne tun. Großkreutz wiederum wirkt nicht so, als ob er zwingend weg möchte. Aus wirtschaftlicher Sicht ergeben doch aber eigentlich nur zwei Dinge für den BVB Sinn: Großkreutz jetzt abzugeben und eine Ablöse zu kassieren oder den Vertrag zu verlängern und ihn dann gegebenenfalls im nächsten Sommer oder zu einem völlig anderen Zeitpunkt gegen eine Ablöse abzugeben. Verlängert man nicht und Großkreutz bleibt, könnte er im nächsten Jahr ablösefrei gehen und das wollte man – auch wenn wir hier sicherlich von anderen Summen als bei einem Robert Lewandowski oder einem Ilkay Gündogan sprechen – doch eigentlich vermeiden.

Zu sagen, joa, wenn er wechseln will, kann er das tun, wir unternehmen jetzt aber nichts, um ihn aktiv zu halten, kann natürlich auch eine Taktik sein, um ihn erst Recht zu vergraulen. Oder will man ihn noch das eine Jahr behalten, schauen, wie er sich macht, ihn, wenn er wieder in Form kommt, als Ersatzmann für so ziemlich jede Position behalten und notfalls einsetzen können und dann, bei Erfolg, nächstes Jahr den Vertrag verlängern? Das wäre, gelinde gesagt, fies. Beides kann ich mir beim BVB eigentlich nicht wirklich vorstellen. Würden sie ihn aktiv loswerden wollen, müssten sie das dieses Jahr tun, um eine Ablöse zu bekommen, wollen sie ihn nicht loswerden, könnten sie auch einfach den Vertrag verlängern. Zumal ich Großkreutz so einschätze, dass er weder sportlich noch finanziell große Ansprüche hat. Einer der drei Jungs von Auffe Ohren formulierte das in der letzten Ausgabe in etwa so, dass Großkreutz sich wohl auch bereitwillig auf die Bank setze, wenn er wisse, das sei seine Rolle und so helfe er dem Verein am meisten – allein das zeichnet ihn ja eigentlich schon sehr aus! Nur, so scheint es mir mittlerweile, möchte er auch gerne das Gefühl vermittelt bekommen, dass dem Verein auch zumindest ein kleines bisschen etwas an ihm liegt.

Kevin Großkreutz mag seine Fehler haben und ich bin ganz bestimmt nicht sein allergrößter Fan. Aber es ist zum einen so, dass er gerade in den Medien auch gerne mal vorgeführt wird, auch und besonders von der BILD-Zeitung, die seine „Eskapaden“ auch gerne ausführlich ausschlachtet. Und zum anderen ist es so, dass, wie Thomas Hennecke auf Kicker.de ausführt, Großkreutz einen Anspruch und ein Recht darauf hat zu erfahren, was dem BVB mit ihm vorschwebt. Zorc hat sich etwas zurückhaltender geäußert als Tuchel, gestern Abend bei Sport1, aber eben so zurückhaltend, dass niemand wirklich weiß, was der Verein gerne hätte. Und es scheint, als wisse auch Großkreutz das nicht. Natürlich hat er einiges an Rückstand, was Fitness usw. angeht, da hat Tuchel Recht, wenn er immer wieder darauf verweist, aber deswegen kann und sollte man ihm doch trotzdem mitteilen, ob und wie man mit ihm plant.

Kevin Großkreutz beim Testspiel des BVB gegen Luzern© RN/DeFodi

Ich fänd’s schade, wenn Kevin Großkreutz den Verein verließe. Zum einen auch aus sportlicher Sicht, weil er einfach so jemand ist, den kannst du zu jeder Zeit auf so ziemlich egal welcher Position in ein Spiel werfen und er gibt immer einhundert Prozent und sein Bestes und macht seine Sache in der Regel wirklich gut. Und zum anderen auch menschlich: Ja, er hat seine Fehler – aber jemanden, der so wie er zu (s)einem Verein steht und sich mit ihm identifiziert, der Eigenschaften wie harte Arbeit, Fleiß, Loyalität und Ehrlichkeit so hoch einschätzt wie er, den findet man schlichtweg nicht mehr oft im Fußball. Und das erfreut einfach mein Fußball-Romantiker-Herz. Sollte er wechseln, kann man sich aber genauso sicher sein, dass es ein „guter“ Verein wird und dann wäre das zwar schade, aber verständlich und gut zu akzeptieren.

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