#BILDnotwelcome!

#BILDnotwelcome war heute in den Top Trends bei Twitter zu entdecken. Und ja, das ganze hat etwas mit Fußball zu tun.

Das Thema rund um die vielen Flüchtlinge, die immer noch und in großen Mengen über verschiedene Wege nach Europa, nach Deutschland zu gelangen versuchen, beschäftigt sicher alle von uns, auf unterschiedliche Weise. Es ist ein gesellschaftliches, ein soziales, ein politisches Problem. Und egal, wie viele Leute noch schreien, Politik habe im Fußball nichts zu suchen – dass auch und gerade im Fußball starke Zeichen gesetzt werden können in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche und politische Themen, das haben Borussia Dortmund und der FC St. Pauli gerade erst letzte Woche bei ihrem Testspiel bewiesen.

BVB_Pauli© Borussia Dortmund

Kurz darauf wurde bekannt, dass am kommenden Spieltag die DFL, Hermes und Bild in einer gemeinsamen Aktion ein Zeichen für Solidarität mit den Flüchtlingen setzen wollen. Auf dem linken Trikotärmel der Vereine der ersten und zweiten Bundesliga, den normalerweise Hermes-Werbung ziert, soll am Wochenende das Logo der Bild-Aktion „Wir helfen – #refugeeswelcome“ prangen.

Ja richtig – eine Aktion der BILD. Schon bei Bekanntwerden dieser Nachricht habe ich mich gefragt, ob das wirklich sein muss. Ob der DFL, die Bundesliga, die Vereine nicht groß genug sind, eine solche Aktion zu organisieren ohne die Hilfe von ausgerechnet der Zeitung, die monatelang Stimmung gegen Ausländer und Flüchtlinge macht/e.

Bildblog© BILDblog

Nun macht die BILD also eine Kehrtwende. Statt gegen Flüchtlinge zu hetzen, will sie sie nun auf einmal freundlich in Deutschland empfangen, schließt sie sich der allgemeinen Willkommenskultur an, die glücklicherweise vielerorts herrscht und  sich rassistischen und ausländerfeindlichen Sprüchen und Aktionen entgegen stellt.

Sehr schön zusammengefasst haben die 11 Freunde, warum die BILD nun wirklich der absolut unpassendste Partner für eine solche Aktion ist, den man sich nur vorstellen kann. Und Leo Fischer hat vor wenigen Tagen erst für den BILDblog dargelegt, warum selbst von einer guten Sache nichts gutes mehr übrig bleibt, wenn die BILD sich ihrer „annimmt“.

Aber damit nicht genug. Und auch nicht genug damit, dass sich die Deutsche Fußball Liga und Vereine, große Vereine, sich dafür einspannen lassen und am kommenden Spieltag mit BILD-Werbung auf dem Trikot ihre Spiele bestreiten werden. (Ich verzichte an dieser Stelle auf ein Foto, es lässt sich sicher leicht ergooglen – bitte nicht auf bild.de klicken!). Denn nichts anderes ist diese Aktion: Wie @ColliniSue schreibt, dient diese Aktion der BILD wohl vor allem dem Ziel, „sich mit der aktuellen, zeitlich wie immer befristeten Bild-Botschaft, Flüchtlinge wären in Deutschland willkommen, auf Leserfang zu begeben“.

Nein, damit nicht genug, denn es gibt einen Verein, der aus guten Gründen bei der Aktion, die für die Vereine freiwillig (!) ist, nicht mitmacht: Den FC St. Pauli. Genau der Verein, der in der letzten Woche mit dem BVB ein Zeichen für eine deutsche Willkommenskultur gesetzt hat, der sich als Verein und dessen Spieler sich einsetzen und einbringen in den verschiedensten Aktionen für Flüchtlinge in Hamburg, der offen und aktiv einen Kampf gegen Rassismus und Faschismus führt. Genau diesem Verein, und das setzt dem ganzen dann wirklich und endgültig die Krone auf, warf Kai Diekmann, seines Zeichens Chefredakteur der BILD, heute vor, gegen Flüchtlinge zu sein.

Diekmann
(Screenshot, um niemandem die Gelegenheit zu geben, den Link zu klicken).

Wenn man St. Pauli eines nicht vorwerfen kann, dann wohl, dass er kein Herz für Flüchtlinge habe. Genau das machen der werte Herr Diekmann und seine „Zeitung“ nun aber aus der Absage des Vereins für diese Aktion.

https://twitter.com/ColliniSue/status/644105582102888448

Das ist in so vielerlei Hinsichten so völlig falsch und schlichtweg dumm, dass man eigentlich gar nicht weiß, was man dazu noch sagen soll.

Und es ist vor allem verdammt gefährlich. Die Kehrtwende der BILD an sich ist nicht nur widerwärtig, sondern gefährlich. Auch wenn ich in meinem realen und in meinem virtuellen, Twitter-Leben von dankenswerterweise von Menschen umgeben bin, die die BILD selbstverständlich durchschauen, verabscheuen und nicht lesen: Viele Tausend Menschen tun das. Und viele Tausend Menschen glauben, was die BILD ihnen vorgaukelt und haben es drei Wochen später schon wieder vergessen. Dass diese Aktion der BILD nicht zusammenpasst mit dem, was die „Zeitung“ noch vor wenigen Wochen geschrieben hat, fällt denen genauso wenig auf wie, wenn die BILD nach einiger Zeit des Anpreisens der Willkommenskultur wieder auf ihren alten Kurs zurückschwenkt. Und ich weiß nicht einmal, ob man es diesen Menschen vorwerfen kann. Ich werfe es aber den BILD-Machern vor, denn die wissen ganz genau, was sie tun, und nehmen alle Konsequenzen billigend in Kauf.

Und es kann auch gefährlich werden für den FC St. Pauli, wenn die BILD es schafft, die Geschichte tatsächlich so zu drehen, dass Pauli aussieht, als wären sie gegen Flüchtlinge. Und ich halte das bei Menschen, die mit Fußball allgemein oder dem FC St. Pauli im speziellen nicht viel am Hut haben, dafür aber seit Jahren treue BILD-Leser sind, für nicht ganz ausgeschlossen, im Gegenteil.

Was da helfen könnte? Haltet mich für pessimistisch, aber wenn ich solche Tweets lese, habe ich die Hoffnung auf Einsicht oder Verständnis bei der BILD längst aufgegeben.

Das einzige, wo man vielleicht noch etwas tun, etwas bewegen kann, ist die andere Seite, sind die DFL, sind die Vereine der ersten und der zweiten Bundesliga, unsere Vereine. Und so haben unter dem Schlagwort #BILDnotwelcome heute schon viele Menschen auf Twitter und in ihren Blogs „ihre“ Vereine aufgefordert, sich dem FC St. Pauli anzuschließen, sich nicht für BILD-Werbung missbrauchen zu lassen und stattdessen eine eigene Aktion für #refugeeswelcome auf die Beine zu stellen. In Anbetracht der Tatsache, dass es in den letzten Wochen in dieser Hinsicht schon viele tolle Ereignisse und Aktionen gab, ist es noch viel unverständlicher, warum außer dem FC St. Pauli scheinbar niemand sonst erkennt, wie heuchlerisch die BILD-Aktion ist und was man stattdessen alles tolles bewegen und veranstalten könnte.

Lieber BVB,
letzte Woche erst habt ihr, gemeinsam mit dem FC St. Pauli, ein Zeichen gesetzt gegen Ausländerhass und für eine Willkommenskultur. Bitte unterstützt St. Pauli auch jetzt in ihrer Absage an die DFL- und BILD-Aktion und macht euer eigenes Ding. Redet mit euren Sponsoren, mit Evonik, und schafft Platz auf dem Trikot, um an der prominentesten Stelle, nämlich auf der Brust, und nicht verschämt und klein am linken Ärmel, ein Zeichen zu setzen und zu zeigen, wofür ihr steht. Lasst euch nicht vor den Karren der BILD spannen und dafür ausnutzen, Millionen Fußballzuschauern am Wochenende vorzugaukeln, wie ach so toll und so solidarisch mit den Flüchtlingen doch die BILD sei. „Mit BILD haben anständige Leute [und anständige Vereine] nichts zu schaffen.“

Ich wünschte, der BVB und viele weitere, möglichst alle Vereine, würden jetzt aus dieser Aktion ausscheren. Wie man es besser machen kann, zeigt der MSV Duisburg, der zum nächsten Heimspiel erneut Flüchtlinge einladen wird und dessen Hauptsponsor zugunsten eines „Refugees welcome“-Schriftzugs auf die ihm zustehende Trikotwerbung verzichten wird. Ich wünschte, es käme zu einer einheitlichen Aktion aller Vereine, eigenständig, ohne die „Unterstützung“ eines so heuchlerischen Blattes wie der BILD. Ich wünschte, wir Fans könnten mit geballtem Protest gegen diese Aktion tatsächlich etwas bewegen.

Zu dieser Thematik haben auch schon (und viel besser als ich) geschrieben:
Walter Marinelli bei den Blogrebellen
Der Übersteiger
11 Freunde
Moritz Tschermak auf dem BILDblog
Leo Fischer auf dem BILDblog
Der Wochenendrebell
Heinz Kamke
Der Kiezkicker
Schwatzgelb.de

Weitere Links gerne in die Kommentare, genauso wie Meinungen und Ideen, was man noch tun kann.

Und natürlich gilt immer und grundsätzlich: Setzt selbst Zeichen, im realen wie im virtuellen Leben, gegen Ausländerfeindlichkeit und für #refugeeswelcome. Kauft die BILD nicht, klickt nicht auf bild.de, teilt und verlinkt keinen ihrer Beiträge.

Update vom 17.09.15:
Einige weitere Vereine, namentlich Union Berlin, der SC Freiburg, der 1. FC Nürnberg und der VfL Bochum haben sich dem FC St. Pauli angeschlossen und werden nicht an der Aktion teilnehmen.

Viele weitere dagegen haben öffentlich ihre Teilnahme an der Aktion bekundet. Die volle Liste mit Links zu den jeweiligen Aussagen ist beim Wochenendrebell zu finden. Leider ist auch der BVB unter denjenigen, die trotz aller – auch während des Spiels gegen Krasnodar am Donnerstagabend geäußerten – Kritik am Wochenende das Aktions-Badge auf dem Trikotärmel tragen werden. Veröffentlicht wurde dies nicht einmal in Eigenregie bzw. auf der eigenen Homepage, sondern über ein Interview mit den Ruhr Nachrichten. Dort heißt es:

Borussia Dortmund versteht sich als Mitglied der Solidargemeinscahft der 36 Profiklubs unter dem Dach der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Die DFL hat alle Klubs am 11. September gebeten, sich der Aktion anzuschließen und das entsprechende Logo zu tragen. Dieser Bitte kommen wir nicht etwa aus blindem Gehorsam nach, sondern weil Borussia Dortmund das Motto #refugeeswelcome seit Wochen lebt und seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt.[…] Das Statement #refugeeswelcome ist uns persönlich wichtig. Deswegen, und nur deswegen, tragen wir es. […] Wir als Solidargemeinschaft der 36 Profiklubs finden es allerdings schade, dass das nach wie vor andauernde große Engagement etlicher Klubs der Bundesliga und 2. Bundesliga gegenwärtig weniger Aufmerksamkeit findet, als der Internet-Hype um das Tragen oder Nicht-Tragen eines Logos mit der klaren Botschaft #refugeeswelcome.

Lieber BVB – dass ihr das Motto #refugeeswelcome unterstützt, das weiß ich. Ich weiß um die vielen Aktionen in den vergangenen Wochen, ich weiß, dass auch viele ehrenamtliche Helfer sich beteiligen, und ich weiß, dass vermutlich viel mehr passiert als ich mitbekomme. Das ist gut und das ist wichtig und darauf bin ich stolz, dass mein Verein sich in dieser Weise engagiert.

Die Teilnahme an dieser Aktion finde ich nicht gut. Das ist nichts, worauf ich stolz sein kann. Denn diese Aktion vermittelt nicht, dass der BVB, dass die beteiligten Vereine sich für #refugeeswelcome einsetzen – sondern, dass die BILD das jetzt (angeblich) tut. Ihr tragt BILD-Werbung auf euch herum, die, angepasst an die aktuelle Stimmung im Land, mit einem Hashtag versehen ist. Das ist alles.

BILDnotwelcome_1  BILDnotwelcome_2

Wenn ihr euch beklagt, dass euer Engagement zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, seid ihr und nur ihr in der Verantwortung, es öffentlichkeitswirksamer zu gestalten. (Womit ich nicht sagen will, dass ich das wichtig finde. Denn wichtig ist vor allem, dass etwas getan wird. Nicht, dass alle Welt mitbekommt, dass man etwas tut). Und dann ist es genau der falsche Weg, an einer solchen Aktion teilzunehmen, von der große Teile der eigenen Fanszene und große Teile der Fußball-Fans allgemein nichts halten. Der richtige Weg wäre, die Botschaft #refugeeswelcome in Eigenregie großflächig – auf der Brust! – zu zeigen, sie damit gleichzeitig in die Bevölkerung zu tragen und die eigene Haltung zu demonstrieren. Großflächig, auffällig und ohne das BILD-Logo daneben.

Schade, BVB. Ich hatte mir anderes erhofft, anderes erwartet. Ich bin enttäuscht.

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2 Gedanken zu “#BILDnotwelcome!

  1. Pingback: Die besorgte Zeitung | Der Wochenendrebell

  2. Pingback: Kriegen wir es hin, dass mindestens ein Erstligaverein nicht bei der Bild-Wir-helfen-Trikot-Aktion mitmacht? | severin tatarczyks interessantes blogmagazin

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