Das macht man nicht, Herr Löw.

Heute habe ich mich etwas aufgeregt und weil ich keine Lust habe, meine Aufregung und meine Kritik an Joachim Löws Kritik an Kevin Großkreutz in x-mal 140 Zeichen auf Twitter zu verpacken, gibt es die jetzt hier. Auch wenn Großkreutz jetzt schon ein paar Monate lang kein Schwarzgelber mehr ist.

Es gibt da zwei Punkte, die mich aufregen und ich kann nicht genau sagen, welcher davon mehr und welcher weniger. Zum einen kann ich Löw in seiner Kritik schon inhaltlich nicht ganz folgen, zum anderen finde ich die Art und Weise, in der er seine Kritik (wenn man das denn überhaupt noch so nennen kann) äußert, absolut daneben. Auch wenn Kevin Großkreutz ganz sicher kein Heiliger und ich grundsätzlich auch überhaupt nicht so ein großer Fan von ihm bin: Löw hat es mal wieder geschafft, dass ich mich tierisch über ihn aufregen könnte.

Auf die Frage, ob auch Kevin Großkreutz noch eine Chance auf die EM-Teilnahme habe, antwortete der Bundestrainer sehr direkt: „Nein! Er war ein halbes Jahr raus.“ (Die Welt, http://www.welt.de/sport/fussball/em-2016/article151179872/Joachim-Loew-rechnet-mit-Kevin-Grosskreutz-ab.html)

So weit, so gut. Das hätte ich mir ja noch gefallen lassen, denn es stimmt ja: Weil Galatasaray zu dämlich war (entschuldigt bitte) und beim Transfer von Großkreutz irgendetwas verklüngelt hatten, war der die letzten Monate nicht spielberechtigt und war damit völlig aus dem Spielrhythmus raus. Wobei die Chance recht groß sein dürfte, dass sich das mit seinem Wechsel zum VfB Stuttgart ändert und er ab jetzt wieder regelmäßiger spielt. Aber das nur am Rande.

Der springende Punkt ist, dass es Löw nicht einfach dabei belassen hat zu sagen, Großkreutz fehlt die Spielpraxis und deswegen sehe er aktuell keine Chancen für ihn. Nein, Löw wird persönlich und redet über Dinge, die ihm, gelinde gesagt, nicht zustehen.

„Ich war in Istanbul beim Trainer von Galatasaray, der mir gesagt hat, dass Kevin fast jedes Wochenende Freitag bis Sonntag nach Hause geflogen ist“, sagte Löw und wurde dann deutlich: „Das macht man nicht, wenn man Teil einer Mannschaft ist.“ […] Löws Urteil: „Ich habe nur begrenzt Verständnis dafür, wie er mit seiner Karriere umgegangen ist.“ (Die Welt, http://www.welt.de/sport/fussball/em-2016/article151179872/Joachim-Loew-rechnet-mit-Kevin-Grosskreutz-ab.html)

Herrje. Ich gehe davon aus, ohne nähere Kenntnisse der türkischen Liga zu haben, dass dort ebenfalls am Wochenende die Spiele ausgetragen werden und ein nicht-spielberechtiger Spieler (nochmal: Fehler des Vereins, nicht von Kevin Großkreutz) also absolut nichts verpasst, wenn er die Stadt und das Land am Wochenende verlässt. Man kann natürlich argumentieren, dass er dableiben, in’s Stadion gehen und die Mannschaft unterstützen solle. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass das eine, mit Verlaub, beschissene Situation ist, in der man dann nicht unbedingt jedes Wochenende seine Mitspieler auf dem Platz sehen will, wenn man selbst auch nichts lieber machen würde als das. Verletzte Spieler sitzen auch nicht jedes Wochenende auf der Tribüne, aber von jemandem, den einzig und allein eine dämliche Schusseligkeit des Vereins davon abhält, auf dem Feld mitmischen zu dürfen, soll man das dann erwarten?

Noch dazu, wenn dieser jemand ganz offenbar auch großes Heimweh nach seiner Familie und seinem vertrauten Umfeld hat. Da kann man sich drüber lustig machen, das dürfte es für den Betroffenen aber ganz und gar nicht sein. Und wenn du dann in der neuen Heimat, wo du im Grunde niemanden kennst, am Wochenende nichts weiter tun kannst als Däumchen zu drehen, dann kann ich gut verstehen, dass man da regelmäßig nach Hause fliegt.

Nächster Punkt: Wenn es jemanden geben dürfte, dem das missfällt, ist das dann nicht eher der Trainer von Galatasaray als der deutsche Nationaltrainer? Müsste der nicht eher ein Machtwort sprechen und sagen, „Kevin, du bleibst am Wochenende bitte hier und gehst in’s Stadion, auch wenn du nicht mitspielen kannst“, wenn es ihn stört, dass einer seiner Spieler regelmäßig Besuche in der Heimat macht? Wie man damit seine Karriere gefährdet oder wegwirft, ist mir darüber hinaus absolut schleierhaft. Ich bin mir sehr sicher, dass Großkreutz auch von Dortmund aus verfolgt haben wird, wie seine Mannschaft sich schlägt. Er hat am Training unter der Woche teilgenommen, dass er es in den Spielen nicht tun konnte, ist, ich sage es noch einmal, nicht seine Schuld gewesen! Der Gelackmeierte bei diesem verkorksten Transfer ist/war doch Kevin Großkreutz!

Nun gut. Joachim Löw missfällt das. Meinetwegen. Klar ist ja auch, dass er da nicht seinen größten Star absägt, sondern einen Spieler, der es erst spät überhaupt in die Nationalmannschaft geschafft hat und dann aber auch eher deswegen zur WM mitkommen durfte, um den Kader voll zu bekommen, als weil Löw wirklich auf ihn gesetzt hat.

Damit kommen wir aber zum zweiten Teil meiner Kritik: Der öffentlichen Bloß- und Zurschau-Stellung eines Spielers durch den Nationaltrainer. Diese „Entgleisung“ Löws ist ja nun bei weitem nicht die erste.  Ich erinnere da nur mal ganz vorsichtig an seine öffentliche Kritik an Mats Hummels nach der EM, an die Kritik an Marcel Schmelzer und den Spruch, er könne sich ja nun mal keine Außenverteidiger schnitzen, an die Kritik an Matthias Ginter und Jonas Hector, die in ihren Vereinen nicht offensiv genug verteidigen lernten (da weiß ich wirklich noch immer nicht, ob ich lachen oder schreien möchte). Nein, es ist nicht das erste Mal, dass er Spieler in der Öffentlichkeit kritisiert oder Dinge ausspricht, die besser (nur) intern geklärt worden wären. Aber es ist doch interessant, dass es dabei immer nur bestimmte Spieler bzw. Spieler bestimmter Vereine trifft.

Für mich offenbart Joachim Löw damit einmal mehr, dass er keine Führungsqualitäten hat, keinen Anstand und keine Empathie kennt oder bewusst missachtet. Was er mit Bemerkungen wie diesen über Großkreutz erreicht, ist, öffentlich zu demonstrieren, welche Macht er hat. Das ist nichts, was einem Bundestrainer (oder sonstwem) zur Ehre gereicht. Das ist zum wiederholten Male ein Fall von „das geht gar nicht“. Auf der anderen Seite wird dann immer groß in die Welt posaunt, dass er ja streng nach Leistung aufstellt. Wem will er das eigentlich noch weismachen? Wenn Großkreutz ab dem nächsten Wochenende jedes Pflichtspiel der Rückrunde bestreiten und dem VfB nachhaltig weiterhelfen und ihn mit vor dem Abstieg bewahren sollte, wird er nicht mit zur EM fahren, denn er ist ja in einer Zeit, in der er für Gala nicht spielberechtigt war, jedes Wochenende mit seiner Familie verbracht. Ja, die Logik dahinter erklärt sich wohl nur Joachim Löw.

Weder ein Kevin Großkreutz noch ein Marcel Schmelzer werden es unter Löw noch einmal in die Nationalmannschaft schaffen. Die Frage bleibt, ob das (für sie) bei diesem Trainer überhaupt noch so erstrebenswert ist.

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