Keine Chance auf Privatsphäre, keine Unterstützung vom Verein

Eins vorab: Mich macht diese Sache so unglaublich wütend, dass ich einfach mal Luft ablassen muss – und das gerne in einem Stück und nicht 20 x 140 Zeichen-Häppchen ;-) (Und weil ich den Text auf dem anderen Rechner „vergessen“ hatte, kommt er erst jetzt).
Es hat zwar wenig bis gar nichts mit dem BVB zu tun, aber ab und an muss ich hier auch mal Ausflüge in die nicht-schwarzgelbe Welt des Fußballs machen.

Ich bin kein großer Fan oder Freund von Max Kruse. Er ist Wolfsburger, vorher war er Gladbacher (die bei manchen BVB-Fans gleich nach den Nachbarn aus Gelsenkirchen kommen – ich find die Fohlen jetzt nicht so schlimm) – im Grunde stehe ich ihm recht neutral gegenüber, aber in der aktuellen Situation tut er mir einfach nur noch Leid.

Er hat 75 000 Euro in einem Taxi verloren? Auch wenn der Vorfall jetzt schon ein paar Wochen zurückliegt, ich versteh’s noch immer nicht. Ich frage mich ehrlich, wen außer Max Kruse selbst das irgendetwas angeht. Klassischer Fall von ‚dumm gelaufen‘ oder ‚selbst schuld‘. Dass er pokert, ist doch nun schon hinlänglich bekannt – Gladbach hatte kein Problem mit seinem Auftritt bei Stefan Raabs Pokernacht. Und dass auch ein Fußballprofi nicht jeden Abend um 21 Uhr im Bett liegt und vielleicht mal an einem freien Wochenende nachts in Berlin unterwegs ist – who cares? Auch ein wer weiß wie gut bezahlter Fußballer hat ein Recht auf Freizeit und Hobbys.

Er isst zu viel Nutella? Ehrlich? Okay, dann hab ich wohl keine Chance mehr auf eine Fußballkarriere. Im Ernst: Er wird sich wohl nicht ausschließlich davon ernähren, dann sähe er wohl auch anders aus. Und wenn man dann mit der „Vorbildfunktion“ argumentiert, die vor allem ein gewisser Herr Löw (dazu später noch mehr) so gerne heranzieht: Vielleicht sollte man dann als erstes mal überlegen, ob es wirklich so sinnvoll ist, Profisportler (!) Werbung für Nutella (!), Chips (!) und Bier (!) machen zu lassen. Auf der einen Seite dafür zu werben, auf der anderen den Konsum dessen zu verteufeln, ist jedenfalls mehr als heuchlerisch.

Er feiert Geburtstag, an einem Wochenende nachts mit Freunden in einem Club, will sich dabei nicht von Wildfremden mit dem Handy fotografieren lassen und löscht die entsprechenden Bilder auf dem Handy der Fremden? Okay, da muss man vielleicht ein wenig mehr differenzieren. Zunächst: Jemandem das Handy aus der Hand zu reißen und Fotos zu löschen, auch wenn sie ohne das eigene Einverständnis gemacht wurden, ist nicht so prickelnd. Wie genau das rechtlich ist, kann ich nicht beurteilen, aber unglücklich gelöst war es allemal. Ein Fehler. Kann passieren. Aber es ist niemand dabei verletzt worden. Und irgendwie kann man es doch auch verstehen. Auch ein wer weiß wie gut bezahlter Fußballer hat ein Recht auf Freizeit – und vor allem Privatsphäre! Dass eine BILD-Reporterin sich das Recht herausnimmt, von einer privaten Feier, auf die sie zufällig (oder auch nicht?) gestoßen ist, Fotos zu machen und daraus eine Story zu konstruieren – denn Erinnerungsfotos waren das mit Sicherheit nicht – finde ich, ehrlich gesagt, sehr viel verwerflicher, als sich genau dagegen zu wehren. Allein über diesen Punkt könnte ich noch drei weitere Absätze schreiben, aber das geht dann schon sehr in Richtung Journalismus- und Medienkritik.

Das könnte ja alles noch irgendwie halbwegs lustig sein, diese Vorwürfe – wenn nicht Kruse von Verein und vom DFB fallen gelassen würde wie eine heiße Kartoffel. Für das Verlieren des Geldes gab es vom VfL Wolfsburg eine Geldstrafe – nochmal: Das ist seine private Angelegenheit und sein persönliches Pech! Für die Situation mit der Reporterin am Wochenende gab es eine erneute Geldstrafe, harte Worte in der Öffentlichkeit und schließlich von Löw den Rausschmiss aus dem Nationalelf-Kader für die beiden bevorstehenden Test-Länderspiele. Er habe sich wiederholt unprofessionell verhalten und das akzeptiere er nicht, erklärte Löw. Er brauche fokussierte und konzentrierte Spieler, die sich ihrer „Vorbildrolle“ bewusst seien. Und Medien wie natürlich die BILD und auch der Kicker (in Form seines Chefredakteurs Karlheinz Wild) mischen munter und „kommentieren“, Löw habe gar keine andere Wahl gehabt.

Das ist so himmelschreiend dämlich und ungerecht und falsch, dass mir dazu eigentlich gar nichts einfällt. Eigentlich ist Löws Ansehen bei mir schon so weit in den Keller gefallen, dass ich nicht dachte, dass es noch tiefer sinken könnte. Es konnte. Nicht nur ist seine Personalpolitik an sich schon fragwürdig (man betrachte nur den Kader für die Testspiele), nein, es wird auch mit zweierlei Maß gemessen. Großkreutz durfte nach Vorfällen, die ich persönlich als „schlimmer“ empfinde, mit zur WM fahren, Reus war jahrelang ohne Führerschein unterwegs und noch immer gut gelitten bei Löw, Podolski ohrfeigte einst seinen Kapitän Michael Ballack auf dem Spielfeld und wird bald zehn Jahre später noch immer zu jedem Spiel eingeladen. Damit will ich jetzt nicht sagen, dass Großkreutz, Reus und Podolski auch hätten rausfliegen sollen, sondern vielmehr, dass Kruse das nicht verdient hat. Aber da geht es zurück zu Löws Personalpolitik: Die basiert eben doch nicht so sehr auf Leistung und ist nicht objektiv genug, um Verfehlungen maßvoll einzuordnen und zu „bestrafen“.

Das war am Montag. Am Montagabend tauchte dann ein Video auf, das mir glücklicherweise noch nicht unter die Augen gekommen ist, in dem Kruse eindeutig zu erkennen und bei sexuellen Handlungen zu sehen sein soll. Und man kann sich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass jemand ganz gewaltig etwas gegen Kruse hat und dieser Jemand entweder in den Redaktionen von BILD und Konsorten sitzt oder gute Connections dahin hat. Wie das Video in’s Netz gekommen ist, ist (noch) nicht klar, aber ich halte Kruse für zu intelligent, um es selbst verbreitet zu haben – zumal zu diesem Zeitpunkt, wo seine Karriere, sein Ansehen, sein Ruf gerade sowieso steil den Bach runter gehen.

Das hat schon sehr viel von einer gezielten Kampagne, von Rufschädigung oder schlicht Mobbing. Und wenn man die Erklärung vom VfL Wolfsburg liest, käme ich mir an Kruses Stelle mächtig verarscht vor, denn die ist nicht viel mehr als ein schlecht verpacktes „am liebsten würden wir ihn auf der Stelle loswerden, aber wir können es uns nicht leisten, noch einen Spieler zu suspendieren, also krieg gefälligst dein Leben in den Griff“.

Ich muss sagen, ich bin wirklich gespannt, ob das jetzt schon alles war. Und Max Kruse, auch wenn ich nie viel für ihn übrig hatte, tut mir einfach Leid. Privatsphäre mit Füßen getreten, scheinbar irgendwo einen „mächtigen Feind“ und keine Rückendeckung oder Unterstützung durch den eigenen Verein (wie man solche Fälle besser löst, hat der BVB in den Causas Großkreutz und Reus bewiesen).

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