Das Ziel ist das Problem

Mats Hummels, seit acht Jahren Stamm-Innenverteidiger und inzwischen auch Kapitän von Borussia Dortmund, möchte nach der Saison zum FC Bayern München wechseln. Das hat der BVB heute mitgeteilt. Nun kann man (leider) nicht sagen, dass das sonderlich überraschend kommt. Dass er eine Entscheidung zu treffen hat und sich die nicht leicht macht, darüber spricht Hummels schon seit Wochen. Immer mehr Gründe sprachen dafür, dass sein neuer Wunsch-Verein die Bayern sind. So ganz glauben wollte ich es dennoch nicht, nun steht es fest.

Ich finde das traurig. Aber ich finde es nicht nur traurig, so wie ich Kehls Abschied oder Kubas Ausleihe einfach nur traurig fand, weil der BVB mit diesen Spielern  auch unglaublich tolle Menschen verloren hat. Denn seit ich offiziell weiß, dass es Hummels‘ Wunsch ist, nach München zu wechseln, weiß ich nicht mehr, ob er tatsächlich auch so ein toller Mensch ist, wie ich bisher immer dachte. Und ich bin nicht nur traurig, sondern vor allem enttäuscht und wütend.

Hummels_20_05.12.14_vs Hoffenheim© Borussia Dortmund

Das Problem ist nicht der Wechsel an sich. Er hat schon vor der Saison davon gesprochen, dass er sich mit einem potentiellen Wechsel beschäftigt, dass dieser, wenn überhaupt, 2016 stattfinden soll, dass es vielleicht seine letzte Chance ist, noch einmal einen anderen Verein kennenzulernen, noch einmal neu anzufangen. Das ist alles richtig und war für mich auch immer nachvollziehbar. Würde Hummels jetzt sagen, danke für die geile Zeit in Dortmund, aber ich suche jetzt die Herausforderung im Ausland und wechsle in die spanische oder englische Liga, dann würde ich sagen, schade, traurig, aber kann ich verstehen, danke für alles.

Aber er sucht nicht die Herausforderung im Ausland. Er wählt die Bayern. Seine Heimatstadt, ja. Aber eben auch jede Menge Geld. Und Titel. Er geht zu einem Verein, wo alles unter dem Triple eigentlich nicht als Erfolg gewertet wird. Zu dem Verein, der quasi ein Abo auf die Deutsche Meisterschaft hat und bei dem sich wohl alle schwarz ärgern, dass sie den Ligabetrieb in dieser Saison nicht schon vor dem 30. Spieltag als erledigt abhaken konnten. Das ist derselbe Mann, der sich noch vor nicht allzu langer Zeit als Fußballromantiker bezeichnete. Der Mario Götzes Wechsel zu den Bayern überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Der mal sinngemäß sagte, einige wenige, besondere Titel mit dem BVB seien ihm wichtiger, als Jahr für Jahr Trophäen, Titel und Pokale einzufahren. Dieser Mann wechselt jetzt – nach dieser Saison, in der die Chance auf Titel zumindest gefühlt deutlich größer war, nach der Saison, in der der BVB die Bayern in der Liga zumindest ansatzweise ein wenig mehr ärgern und ihnen etwas näher auf die Pelle rücken konnten als die Jahre zuvor – zu den Bayern. Zu dem Verein, bei dem Trophäen, Titel und Pokale wie am Fließband gesammelt werden.

Hummels_32_07.05.15

Und vielleicht bin ich zu naiv und ein zu großer Fußballromantiker, dass mich das so sehr berührt. Dass es mich traurig macht, vor allem aber enttäuscht und wütend. Immer wieder hat Hummels, sehr ausführlich in seinem Interview mit Frank Buschmann im Herbst, betont, dass es ihm wichtig sei, dass alles offen und ehrlich ablaufe – das immerhin hat er hinbekommen – und dass keine früheren Aussagen von ihm auf ihn zurückfallen sollen. Nun, er hat sich nie hingestellt und gesagt, er bleibe für immer in Dortmund. Aber er hat Aussagen getroffen, wie die indirekt oben zitierte, die einen Wechsel ausgerechnet zu den Bayern doch sehr unwahrscheinlich erscheinen ließen.

Und jetzt? Mats Hummels ist ein unglaublicher Fußballer und Innenverteidiger, den ich sportlich sehr schätze und auch menschlich sehr mochte. Imperfekt. Im Moment muss ich stark an mich halten, um ihn nicht auf den Mond zu wünschen und ihm ein trotziges „dann geh halt, wenn du glaubst, dass du bei den Bayern glücklich wirst“ hinterherzurufen. Heimatstadt hin, Cathy Hummels Fischer her: Diesen Wechsel – und er wird kommen, die Bayern werden dem BVB sicher ein „entsprechendes, äußerst werthaltiges Angebot“ unterbreiten, vermutlich könnten die sich drei Mats Hummels‘ leisten – kann ich, vor allem in Anbetracht seiner in der Vergangenheit getroffenen Aussagen, nicht nachvollziehen und will ich nicht gutheißen.

BVB_149_14.04.16_Liverpool_BVB© Borussia Dortmund

Von Legenden zu sprechen, ist mir eigentlich ein wenig zu pathetisch. Dass Hummels nun keine mehr werden wird, ist aber wohl ein Fakt. Dann ist der Weg jetzt frei für Marcel Schmelzer, Sven Bender, Roman Weidenfeller oder meinetwegen auch Marco Reus.

Hummels_39_04.07.15_BVB© Borussia Dortmund

Tschüß, Mats.

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2 Gedanken zu “Das Ziel ist das Problem

  1. Als BVB Fan behaupte ich: Da steckt wirklich eine Menge Fußballromantik drin… Profifußball ist ist nicht nur Geschäft, aber eben auch nicht nur „Echte Liebe“. Fußball besteht aus Interessen. Einem Mix aus privaten und geschäftlichen Interessen. Und selbst, wenn jemand dem Verein auf ewig gerne die Treue halten will, dann kann es eben auch sein, dass der Verein kommt und irgendwann sagt: „Danke für deine Treue, aber aktuell haben wir kein Interesse mehr.“ Siehe Dede oder Großkreutz.

    Deine Sicht ist auch eine sehr schwarz-gelbe. Als Reus aus Gladbach in seine Heimat zurückkehrte (sicher nicht für nen Appel und nen Ei), haben wir alle „Wir sind alle Dortmunder Jungs“ gesungen. Und plötzlich ist so ein Schritt nicht mehr nachvollziehbar…?

    Glaub mir, wenn Profifußball nur aus Romantik und „Echte Liebe“ bestünde, hätten wir zwar weiterhin eine volle Hütte zu Hause, aber keine Reisen durch Europa…

    Und auch da haben wir als Fans mittlerweile einen gewissen Anspruch. Oder war das schön romantisch, als wir unter Klopp zum Schluss ne ganze Zeit im Keller waren…?

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    • Natürlich ist meine Sicht eine sehr schwarz-gelbe ;-) Mir geht es bei der ganzen Sache vor allem um Hummels‘ wiederholte (!) Aussagen, in Bezug auf Bayern und auch Dortmund, besondere Titel, usw. Ich weiß nicht, ob/wie Reus sich während seiner Gladbacher Zeit geäußert hat. Reus‘ Wechsel wird einem sowieso oft auf’s Brot geschmiert, wenn es darum geht, die Bayern kaufen die Konkurrenz auf, etc. Aber mir geht es viel weniger um die Bayern, denn dass die herausragende Spieler gerne bei sich hätten, ist ja nur logisch. Mir geht’s allein um Hummels.
      Und ganz ehrlich: Ich habe da keinen sonderlich hohen Anspruch. 14/15 war furchtbar, ja. Und diese Saison macht mir großen Spaß. Aber dabei sind der Tabellenplatz und andere messbare Erfolge, Titel etc., nur zweitrangig, denn zuallererst spielt der BVB in dieser Saison einfach auch mal wieder schönen Fußball – mit dem er dann erfolgreich Spiele gewinnt. Nur Zweiter? Stört mich gar nicht so. Aus der EL ausgeschieden? Kann ich irgendwo mit leben. Aber vermutlich ist das eine Position, die ich einigermaßen exklusiv habe. Man kann es romantisch nennen, oder auch meinetwegen gerne naiv, aber Erfolge und Titel sind für mich nur zweitrangig – hinter einer Mannschaft und Spielern, die ich sympathisch finde und mit deren Einstellungen ich mich identifizieren kann, hinter einem schönen, attraktiven Fußball und einer guten Stimmung.

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